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von Tonio Oeftering

Der einsame Koffer und die Freiheit

TERRORANGST

Ein einsamer Koffer am Bahnhof: nunmehr Auslöser von Angstgefühlen. (Foto: Adrianosan Photo)

Mitte Oktober wurde der mutmaßliche Terrorist Jaber Albakr in Leipzig verhaftet. Wenige Tage später nahm er sich im Gefängnis das Leben. Ihm wurde zur Last gelegt, einen Sprengstoffanschlag geplant zu haben, vermutlich auf einen Berliner Flughafen.

Möglicherweise ist Deutschland damit (wieder einmal) ein schwerer terroristischer Anschlag erspart geblieben. Hätte Albakr ihn ausgeführt, wäre ein anschließend sicher wieder häufig gehörter Satz gewesen: „Wir dürfen uns von den Terroristen nicht unsere freiheitliche Lebensweise kaputtmachen lassen!“ Der Satz ist richtig, aber ist das so einfach? Ist es nicht vielmehr so, dass es einer Anschlagsausführung schon gar nicht mehr bedarf, um uns in der Wahrnehmung dieser Lebensweise einzuschränken?

Kaum ein Sinnbild verkörpert diese Schwierigkeit so gut, wie der einsame Koffer am Bahnsteig oder auf dem Flughafen. Früher wäre dieser ein Anlass gewesen, sich umzusehen, wer ihn denn wohl vergessen haben könnte. Man hätte den Koffer vielleicht sogar an sich genommen und geöffnet, um zu sehen, ob man einen Hinweis darauf findet, wem er gehört. Denn schließlich musste ihn doch offenbar jemand verloren oder vergessen haben, der ihn sicher gerne wieder hätte – der einsame Koffer als Anlass und Symbol für spontane Hilfsbereitschaft in einer unvorhergesehenen Situation.

Und heute? Heute wird ein alleinstehender Koffer sofort argwöhnisch beäugt: Wer hat ihn hier abgestellt? Befindet sich eine Bombe darin? Wo ist das Sicherheitspersonal? Kann ich hier überhaupt stehen bleiben oder sollte ich nicht besser sofort von hier weggehen? Der einsame Koffer ist nunmehr Auslöser von Angstgefühlen und Symbol für die allgegenwärtige Bedrohung durch den Terrorismus.

Wer einen solchen einsamen Koffer sieht und nicht in Panik verfallen möchte, kann versuchen, sich mit rationalen Argumenten zu beruhigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Bombe handelt, ist sehr viel geringer als die, dass jemand den Koffer vergessen hat. Der Besitzer des Koffers wird sicher gleich wieder kommen, er oder sie ist bestimmt nur auf Toilette gegangen. In Deutschland sterben jedes Jahr Tausende Menschen im Auto. Oder an Alkohol. Oder am Rauchen. Und ich rauche noch nicht einmal. Und wie viele Menschen sterben an Terroranschlägen? Eben.

Diffuse Verunsicherung

Das Problem: Die Rationale Argumentation schafft es immer seltener gegen das diffuse Gefühl der Verunsicherung und der Angst anzukommen. Lässt sich die freiheitliche Lebensweise, zu der eben auch gehört, sich ohne Angst im öffentlichen Raum zu bewegen, mit Rationalität allein gar nicht mehr verteidigen?

In der politischen Bildung hat Rationalität als „Leitmodus“ (Wolfgang Sander) eine lange Tradition. Nach dem Ende des Nationalsozialismus galt sie als Bollwerk gegen den emotionalisierenden, überwältigenden Irrationalismus der Nazipropaganda und -erziehung. Und so wichtig und richtig dies auch ist, der einsame Koffer am Flughafen macht deutlich: Eine demokratische politische Bildung kann auf die Berücksichtigung der emotionalen Grundierung politischer Lernprozesse nicht verzichten. Denn Lernende nehmen die Welt, nehmen Politik eben nicht nur rational wahr.

Und die diffuse Gefühlsebene ist dabei möglicherweise nicht nur der eigentliche Leitmodus der Wahrnehmung, sondern auch Ursache für Lernblockaden. Wer Angst hat, ist nur schwer für rationale Argumentationen empfänglich. Deswegen sollte sich die politische Bildung in Theorie, Praxis und Forschung wieder verstärkt dem Phänomen des Emotionalen in politischen Lernprozessen zuwenden. Insbesondere dann, wenn sie weiterhin einen Beitrag zu Verteidigung unserer freiheitlichen Lebensweise leisten möchte.

Alle Beiträge von Politikdidaktik-Professor Tonio Oeftering lesen Sie hier.

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