von Thomas Grumke

Die politische Kraft von Tragödien

RASSISMUS

Symbol der Sklaverei: In den Südstaaten der USA ist die Konföderierten-Flagge ein Teil der Geschichte.

Gut drei Wochen nach dem rassistischen Massaker in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston hat der US-Bundesstaat South Carolina die umstrittene Konföderierten-Flagge vor dem Parlament eingeholt und eine neue Debatte angestoßen. Dylann Roof erschoss am 17. Juni neun Afroamerikaner, die zu einer Bibelstunde zusammengekommen waren. Der Attentäter hatte zuvor auf mehreren Fotos mit der sogenannten Südstaatenfahne posiert, auf einem anderen die US-Flagge verbrannt.

Das blaue Schrägkreuz auf rotem Grund diente den für den Erhalt der Sklaverei kämpfenden Konföderierten als Erkennungszeichen im amerikanischen Bürgerkrieg. Im Süden der USA ist die Flagge auch heute noch allgegenwärtig. Für einige Südstaatler ist es ein Symbol ihrer Geschichte und Erinnerung an ihre Vorfahren. Allerdings vereinnahmten auch rassistische und gewaltbereite Organisationen wie der Ku-Klux-Klan die Flagge.

Ein Relikt der Vergangenheit

Nichtsdestotrotz wehte sie ein halbes Jahrhundert am Regierungssitz von South Carolina – bis zur Jahrtausendwende auf dem Dach, danach auf einer Grünfläche vor dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Columbia. Als Reaktion auf die Bluttat in Charleston stimmten der Senat und das Repräsentantenhaus des Bundesstaates mit großer Mehrheit für deren Entfernung. Fortan soll die Flagge in einem nahe gelegenen Museum über die Zeit der Konföderierten ausgestellt werden. Dieser Schritt steht symbolisch für ein Umdenken.

Noch im Jahr 2000 verteidigte der republikanische Kongressabgeordnete für South Carolina, Arthur Ravenel, das Hissen der Konföderierten-Flagge vehement. Während einer Demonstration bezeichnete der heute 88-Jährige die sich dagegen einsetzende Bürgerrechtsorganisation „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) als „National Association for Retarded People“, zu Deutsch „Nationaler Verband für geistig zurückgebliebene Personen“. Später entschuldigte er sich bei den geistig behinderten Menschen, sie mit den NAACP-Mitgliedern verglichen zu haben.

Alltagsrassismus in den USA

Nun also alles anders. Dem Entschluss der Regierung in South Carolina schlossen sich kurze Zeit später auch die Gouverneure von Virginia, Maryland und North Carolina an. Sie entschieden, dass in Zukunft keine Nummernschilder mit der Konföderierten-Flagge mehr vergeben würden. Zeitgleich kündigten große Supermarktketten und Versandhändler – darunter Walmart, Amazon, Ebay, Google und Apple – an, die Symbolik komplett aus ihren Angeboten zu streichen.

Die Episode macht deutlich, dass es in den USA nach wie vor nicht nur eine gewaltbereite und schwer bewaffnete rechtsextremistische Szene gibt, sondern alltäglichen Rassismus, der vor allem in den Südstaaten zu Tage tritt. Das beweisen auch die schwarzen Todesopfer durch weiße Polizisten. Außerdem ermöglicht die sehr liberale Gesetzgebung, dass rassistisch konnotierte Symbole offen in der Gesellschaft anzutreffen sind.

Einsicht kommt zu spät

So wie in Deutschland der jetzige Diskurs zur inneren Sicherheit ohne die Taten des NSU-Trios nicht denkbar wäre, tragen die Morde von Dylann Roof in den USA dazu bei, dass ein Symbol aus längst vergangener Zeit von so manchem öffentlichen Gebäude verschwunden ist.

Deshalb stellt sich neben der Frage, wie es sein kann, dass jahrzehntelang die Flagge der Sklaverei auf demokratischen Institutionen wehte, die Frage danach besonders dringend, ob moderne Demokratien überhaupt aus reiner Einsicht und Erkenntnis politische Entscheidungen großer Tragweite treffen können oder nur als Reaktion auf Katastrophen?

Alle Beiträge von Rechtsextremismusforscher Thomas Grumke lesen Sie hier.

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