von Tom Waurig

Über die Zukunft der Demokratie

TWITTER-INTERVIEW

"Social Media ist normale Kommunikationsdisziplin geworden." (Foto: Regine Christiansen / RedaktionsKontor)

Politikberater Martin Fuchs und Couragiert-Redakteur Tom Waurig haben sich auf Twitter zu einem Interview verabredet – für beide eine Premiere. Ein Gespräch über die Zukunft der Demokratie und die Bedeutung von Facebook und Co. für die politische Kommunikation.

Tom Waurig: Herr Fuchs, die sozialen Netzwerke wurden lange Zeit als Heilsbringer gegen die Politikverdrossenheit gefeiert. Was ist davon geblieben?

Martin Fuchs: Eine ganze Menge. Die Erwartungen waren natürlich überdreht und falsch. Die positiven Effekte der Netzwerke sind aber deutlich geworden.

Welche sind das?

1. Kein Kanal kann so ziegruppenspezifisch Menschen erreichen

2. Es gibt die Möglichkeit miteinander zu interagieren

3. Social Media ermöglicht Politikern in das Volk hineinzuhören und Bürger einzubinden

4. Politik transparent zu machen

6. Politik muss dort sein, wo Bürger ihre Freizeit verbringen und das ist immer mehr das Netz

Was bedeutet das für das politische Geschäft? Kommen Initiativen, Politiker und Verwaltungen noch ohne eigenen Account aus?

Das kommt immer auf die Strategie, Ziele und Zielgruppen an. Aber für das Gros der Politiker geht es in 2015 nicht mehr ohne. Es geht aber nicht nur um das Senden von Informationen, sondern vielmehr um das Reinhören ins Volk.

Spitzenpolitiker beschäftigen inzwischen viele Mitarbeiter mit der Pflege Ihrer Profile. Wo führt diese Entwicklung hin?

Social Media ist zu einer normalen Kommunikationsdisziplin geworden - wie PR, ein Event oder eine politische Rede. Zukünftig besteht die Herausforderung eher darin, wie viel Politiker allein erledigen können und was sie delegieren.

Zudem informieren sich überdurchschnittlich viele Nichtwähler via Social Media. Da steckt viel Potential drin!

Trotz des Aufwands haben Facebook und Co. kaum Einfluss auf die Wahlbeteiligung haben. Warum eigentlich nicht?

Das stimmt nicht. Tatsächlich lässt sich eine solch komplexe Entscheidung – zur Wahl gehen oder nicht – nicht auf einen Kanal reduzieren. Experimente in den USA haben gezeigt, dass das Netzwerk die Wahlbeteiligung durchaus erhöhen kann. In die Entscheidung spielt viel mit rein. Social Media können durchaus mobilisierend wirken – wenn man sie richtig einsetzt.

Dazu gehört aber auch eine gute Arbeit in der Legislaturperiode. Nur wenn vier Jahre eine „Community“ aufgebaut wurde, kann ein Politiker diese auch aktivieren. Ein schönes deutsches Beispiel gibt es in Erlangen.

Das heißt, eine gute Online-Präsenz funktioniert gar nicht ohne einen guten Offline-Auftritt?

Eine Trennung ergibt keinen Sinn. Die Wissenschaft geht sogar so weit und sagt: Es gibt gar keinen Online-Wahlkampf. Nur die Kombination aus beidem hat Erfolg, insbesondere weil Zielgruppen verschieden erreicht werden, Offline-Aktionen online verbreitet werden müssen und Online-Aktionen offline aktivieren sollen. Nur im Zusammenspiel wird eine Kampagne erfolgreich.

Stichwort Wahlkampf: Was waren die Trends politischer Kommunikation im Superwahljahr 2014?

Eine professionellere Nutzung durch die Parteien, die partielle Entdeckung von WhatsApp und eine stärkere Nutzung von Twitter bei Landtagswahlen. Prinzipiell gab es aber keine wirklichen Supertrends - dazu taugen Jahre mit Landtagswahlen eher weniger.

Ein echter Trend war die Fluthilfe-Koordinierung via Facebook und Twitter 2013. Funktioniert das auch bei politischen Themen?

Guter Punkt. Social Media eignet sich perfekt für die Organisation von Wahlkämpfen. Obama hat das 2008 und 2012 sehr schön gezeigt. In Deutschland hat die SPD zur Bundestagswahl 2013 mit dem internen Online-Netzwerk „meineSPD“ den Haustürwahlkampf koordiniert. 

Twitter eignet sich auch sehr gut für Krisen in der Politik. Ein Beispiel: Auf Spiegel-Online läuft eine Falschmeldung. Mit Tweets kann diese reaktionsschnell dementiert und wieder eingefangen werden. Eine Pressemitteilung würde dagegen ein bis zwei Stunden dauern – bis dahin wäre die Geschichte schon längst im Netz verbreitet.

Zivilgesellschaft nutzt soziale Netzwerke zur Rekrutierung - auch außerhalb von Wahlen? Sollte das weiter forciert werden?

Auf jeden Fall. Das größte Potential sehe ich zwischen den Wahlen. Nur wer die Menschen in sein politisches Leben einbindet, kann diese auch zu einem bestimmten Tag X mobilisieren. Wie schnell man Menschen via Facebook mobilisiert, zeigt aktuell Pegida.

Wie kann "einbinden" in der Praxis aussehen?

Indem Politik und politisches Geschehen mehr erklärt wird. Was ist ein und macht eigentlich ein Ausschuss? Ich denke auch an kurze Handyvideos von Veranstaltungen, Fotos mit Blick des Politikers auf das was er tut – nicht immer nur Fotos, auf denen Hände geschüttelt werden. Des Weiteren sollten offene Fragen zu Debatten, kritische Themen geteilt und mit Fans diskutieren werden. Ich empfehle auch Google Hangout - Videochatkonferenzen via Google+.  

Der Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci hat mit einem Post über Fakten zu Flüchtlingen drei Millionen Menschen erreicht. Ein gutes Vorbild?

Ein wunderbares Beispiel, das zeigt, dass man für enorme Reichweiten nicht viele Fans  braucht, sondern nur eine gute Idee. Die Umsetzung ist zudem fast kostenlos und man erreicht mehr Menschen als über klassische Kanäle wie die Tageszeitung.

Bislang überwiegt die Gruppe 65+ mit 22 Millionen Wahlberechtigten. Politische Kommunikation muss aber unbedingt ins Netz, schon allein weil dort die Zukunft der Demokratie ist: Junge Wähler. Und diese gilt es von der Demokratie zu begeistern.

Martin Fuchs hat sich mit seinem Blog „Hamburger Wahlbeobachter“ einen Namen gemacht. Er berät Unternehmen, öffentliche Institutionen und die Politik beim Einsatz von Social Media.

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