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von Redaktion

Große Fortschritte im Kleinen

perspektywa

Das Projekt „perspektywa“ will den deutsch-polnischen Grenzraum zum Begegnungsraum zu machen.

Mehr als drei Dutzend Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um mit den Verantwortlichen des Landkreises und ausgewählten Landtagsabgeordneten über drängende Fragen des Gemeindelebens zu diskutieren. Speziell das deutsch-polnische Verhältnis stand damals, im Juli 2016, auf der Agenda. Gerade in ländlich geprägten Regionen haben Bevölkerung und Politik oft ein enges Verhältnis, man kennt sich eben. Im norddeutschen Löcknitz – eine kleine Gemeinde, gut elf Kilometer von der polnischen Grenze entfernt – ist dieser Zusammenhalt allerdings etwas ins Hintertreffen geraten. In den letzten 15 Jahren habe kein öffentlicher Bürgerdialog mehr stattgefunden, kritisiert Niels Gatzke. Der Politikwissenschaftler ist verantwortlich für das Grenzprojekt „perspektywa“.

Dass es nun wieder dazu kommt, sei ein Fortschritt: „Für uns ist es wichtig, Raum für Austausch zu schaffen – den hat es leider lange nicht gegeben. Die angeregten Unterhaltungen unterstreichen das Bedürfnis nach Beteiligung.“ Schon im November gab es eine Neuauflage des Bürgertreffens. Mit dem Projekt nimmt Gatzke das Gemeinwesen rings um die polnische Großstadt Szczecin in den Blick – vor allem die Grenzregion auf deutscher Seite. Zugezogene und Alteingesessene sollen noch enger zusammenwachsen, jenseits nationaler Zuschreibungen, so der Wunsch. Unterstützt wird dieses Vorhaben durch das Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. Gleich acht Modellprojekte arbeiten an der Belebung des ländlichen Raums.

Bei „perspektywa“ geht es besonders um Löcknitz-Penkun und das brandenburgische Gartz (Oder). Beide Gebietskörperschaften liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Insgesamt 17 000 Menschen leben dort verteilt auf 18 Gemeinden. Besonders seit dem Eintritt Polens in den Schengenraum 2007 ist die Region einer gesellschaftlichen Dynamik ausgesetzt, die nicht nur positiv aufgenommen wird. Die Entwicklung vollzog sich zwar schrittweise, dennoch vergleichsweise schnell: Waren vor der EU-Erweiterung  gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung polnischer Herkunft, sind es 2010 bereits zehn Prozent gewesen. Heute liegt der Anteil polnischer Zugezogener in beiden Ämtern bei ungefähr 15 Prozent – in der kleinen Grenzgemeinde Nadrensee ist er mit 38 Prozent am höchsten.

Erfolg heißt Nachhaltigkeit

Auf den Straßen in der Region ist die polnische Sprache deshalb längst allgegenwärtig. Ressentiments aber gebe es weiterhin, weiß Niels Gatzke. Als Mitarbeiter der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie, kurz RAA, kennt er die neuralgischen Stellen, an denen es anzuknüpfen gilt: „Viele Alteingesessene sehen sich im fortlaufenden Prozess des Zuzugs nicht berücksichtigt und reagieren auf ihre polnischen Mitbürgerinnen und Mitbürger misstrauisch oder gar ablehnend. Der Umgang miteinander ist noch nicht selbstverständlich geworden, obwohl viele Polen schon jahrelang in der Region leben.“ Berührungspunkte gibt es dennoch reichlich: „Polen und Deutsche sind nicht nur Nachbarn, sondern auch Mitschüler oder Kollegen, die den gleichen Lebensmittelpunkt teilen“.

Das Projekt „perspektywa“ will diese Alltagsbegegnungen ausbauen und nutzen, um den Grenzraum zum Begegnungsraum zu machen. Die Bürgerinnen und Bürger von Löcknitz-Penkun und Gartz (Oder) sollen Projekte erarbeiten, die ihrem eigenen Bedarf entsprechen. Gatzke und Kollegin Agnieszka Misiuk unterstützen nach Kräften. Die RAA hat sich die Aufgabe gestellt, nachhaltige Strukturen zu schaffen, in denen eine lebendige demokratische Kultur wächst und ein respektvolles Miteinander gelingen kann. Im Abstand von zwei Monaten findet beispielsweise ein deutsch-polnisches Elterncafé statt. „Bisher wird dieses Angebot eher von polnischen Eltern wahrgenommen als von deutschen. Diese Prozesse brauchen Zeit“, beschreibt Gatzke eine der grundlegendsten Lektionen seiner Arbeit.

Neben dem Elterncafé und politischen Dialogen sind viele andere Ideen bewusst intergenerationell gestaltet. „Wir haben ein Bürgerfest in Blankensee veranstaltet, das viele deutsche und polnische Familien zusammengebracht hat. Dort gab es auch ein Quiz über beide Nachbarländer. Um zu den Antworten zu gelangen, musste man mit seinen deutschen und polnischen Tischnachbarn in Kontakt treten.“ Gatze bediente sich diesem Kniff, um die ersten Hemmnisse zu überwinden. Der eigentliche Erfolg des Bürgerfestes sei aber vielmehr der, dass sich engagierte Bürgerinnen und Bürger nun selbst um eine Neuauflage bemühen. „Die Nachhaltigkeit, die wir erreichen wollen, entsteht letztlich nur durch das Engagement der Bevölkerung selbst.“

Deshalb verfolge das Projekt zwangsläufig das Ziel, sich überflüssig zu machen, indem Kompetenzen weitergeben und auf die Gemeindemitglieder verteilt werden. Der ländliche Raum biete allerhand Möglichkeiten, um Themen zu bearbeiten. „Begegnungsräume gibt es überall“, so der Projektleiter. Nicht zuletzt werden es die zweisprachig aufwachsenden Kinder sein, die die Barrieren Stück für Stück abbauen. Auch Bildungsangebote haben bei „perspektywa“ einen festen Platz bekommen: Anfang November etwa gab es einen Workshop zu interkultureller Kompetenz. Die Teilnehmenden konnten sich mit den eigenen Werten, der eigenen Prägung und Sozialisation auseinandersetzen und sich über deren Schnittmenge mit anderen bewusst werden.

Ländlicher Raum als Chance

„Fortbildungen erreichen immer nur wenige Menschen, nicht die lokale Bevölkerung als Ganzes. Dort aber können sich die Teilnehmenden in ihrem Engagement bestärken“, sagt Gatzke. Der ländliche Raum sei das Sorgenkind der Demokratie – diese und ähnlich klingende Stimmen wurden laut, als die Ergebnisse der Landtagswahlen bekannt wurden. Nationalkonservative Thesen beherrschten den Wahlkampf in den Sommermonaten. Gatzke hat seine ganz persönlichen Erfahrungen gesammelt. Vielen Menschen gehe die Entwicklung zu schnell und Kennenlernen brauche Zeit. „Anfängliche Berührungsängste, Vorurteile und finanzielle Sorgen sind ein Motor für negative Einstellungen gegenüber Fremden, und wenn man darauf nicht eingeht, dann bleiben die Fremden fremd.“

Innerhalb des Projektes gab es aber schon einmal den Austausch über Gemeindegrenzen hinweg – damals als Reaktion auf die Flüchtlingssituation. Als Löcknitz-Penkun im vorletzten September 200 Geflüchtete aufnehmen sollte, war das Amt nicht darauf vorbereitet. Engagierte schlossen sich mit Helferinnen und Helfern aus Stettin zusammen, schufen ein Nachbarschaftscafé, sammelten Kleidung oder Fahrräder. Gleichzeitig wurden Nachhilfeunterricht angeboten und Broschüren ausgegeben, die über Fluchtgründe informieren – in deutscher und polnischer Sprache. Ein unterschätzter Bereich bei sei der Aufbau von Engagement-Netzwerken, meint Gatzke. „Ich bezeichne es als Kiez-Management im ländlichen Raum.“ Selbst die Zusammenarbeit dreier Dorfvereine sei kein Selbstläufer.

„Letztlich bedeutet ‚perspektywa‘ das ständige Ausprobieren neuer Formate“, verdeutlicht er. Das Gemeinwesen sei schließlich kein starres Gebilde. Aus diesem Grund wird die nächste Bürgerrunde anders sein als ihre Vorgänger, um die Beteiligung noch einmal zu erhöhen – mehr Fragen, mehr Auseinandersetzung, mehr Klarheit. „Das Projekt lernt an sich selbst“, betont Gatzke, „und benötigt die Gemeinde und ihre Ideen, um Gestalt anzunehmen. Dabei werden immer noch Stellen deutlich, die übersehen oder falsch eingeschätzt wurden.“ Für ihn bedeute das in erster Linie Geduld, damit bald noch öfter über Vorteile der Zuwanderung gesprochen werde, besonders mit den polnischen Nachbarinnen und Nachbarn. Zurücklehnen kann er sich also nicht, aber ab und zu zufrieden lächeln.

Das Couragiert-Magazin begleitet das Bundesprogramm des Familienministeriums als Medienpartner. Mehr Artikel finden Sie unter www.couragiert-magazin.de/demokratieleben.html.

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