Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Warum der Druck steigt

Editorial

In den letzten zehn Jahren habe ich ganz unterschiedliche Initiativen kennengelernt, die sich mit großer Klugheit für ihre Mitmenschen einsetzen. Momentan wird der Zivilgesellschaft viel abverlangt – allein bei der Integration von Geflüchteten oder im Umgang mit der fremdenfeindlichen Stimmung, die durch die Republik wabert. Außerdem werden Vorschläge erwartet, um den Demokratieverdruss zu stoppen. Die öffentliche Missstimmung gegenüber dem vorherrschenden Politikmodell und seinen Repräsentanten einzufangen – gewissermaßen zu zivilisieren – wird vertrauensvoll in die Hände der Zivilgesellschaft gelegt. Aber ist sie überhaupt in der Lage, diesem Anspruch gerecht zu werden?

Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke und Andreas Rickert, Gründer des Analysehauses Phineo, sollen bei der Beantwortung helfen. Entstanden ist ein ausführliches Meinungsbild zum derzeitigen Zustand des gemeinnützigen Sektors, der heute mehr als eine halbe Million Organisationen zählt. „Niemand weiß aber genau, wer sich dahinter verbirgt. Es gibt eben nicht die Gelben Seiten des dritten Sektors, sondern eine Blackbox“, konstatiert der einstige McKinsey-Berater Rickert.

Eins, zwei, drei, vier, fünf … Disziplinen hat die Redaktion ausgemacht, in denen die Zivilgesellschaft ihr Potenzial entfalten kann: Angefangen beim betriebswirtschaftlichen Denken, an dem es vielen Organisationen mangelt – verlässt man sich doch weitestgehend auf die finanziellen Hilfen des Staates. Auch über Führungspolitik oder Markenbildung wird bisweilen kaum nachgedacht. Und die Kommunikation der Engagierten ist oftmals belehrend und fordernd – irgendwie anstrengend. Häufig verkauft man sich unter Wert. Es fehlt an der nötigen Aufmerksamkeit, weil es zu selten gelingt, politische Botschaften sinnvoll zu transportieren.

Offen über Misserfolge spricht zudem kaum jemand, obwohl es die politische Situation notwendig macht, neue Methoden und andere Formate auszuprobieren, die womöglich scheitern. Die eigene Komfortzone wird noch viel zu selten verlassen, auch weil Organisationen oft in direkter Konkurrenz zueinander stehen – um Mitglieder, Aufträge oder Spendengelder.

Spätestens mit dem Großwerden der asylfeindlichen Pegida-Protestzüge auf der Straße und der AfD in den Parlamenten wird des Öfteren danach gefragt, was Deutschlands Demokratie-Projekte und Anti-Rechtsextremismus-Programme, die seit der Jahrtausendwende existieren, überhaupt erreicht hätten? Mit dieser recht pauschalen Fragestellung werde das Ende der öffentlichen Schonzeit für die Engagierten eingeläutet, bemerkt Politikwissenschaftler Dierk Borstel in seinem Essay. Für ein neues Selbstverständnis fehlen Antworten, die wir in dieser Ausgabe anreißen wollen.

In vier Ausgaben pro Jahr bietet Ihnen das Couragiert-Magazin praxisnahe Tipps, neue Impulse und Erfahrungsberichte, die bürgerschaftliches Engagement unterstützen.

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