Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Bis die Stimmbänder kratzen

EDITORIAL

Die Fußballbegeisterung ist ein 100 Prozent natürliches Antidepressivum. (Foto: Andi Weiland)

In der Handy-App poppt das mattgelbe Kalendersymbol auf. Es ist der Auftakt für ein sich alle zwei Wochenenden wiederholendes Ritual. Ganze drei Mal wird der schwarz-gelbe Wollschal um den Hals geschlungen, das Polyester-Jersey mit dem demonstrativen Brustaufdruck „Love Dynamo – Hate Racism“ übergestreift. Rückennummer 34. Die gehört Juniorennationalspieler Marvin Stefaniak, Dresdens fußballerische Zukunftshoffnung oder ein künftiger Bundesliga-Export.

Die Straßenbahn rollt in weniger als 16 Minuten zum Stadion. Unterwegs hat man das Gefühl, die halbe Stadt ist auf den Beinen, um Sachsens Fußballattraktion zu bestaunen, die in den letzten Jahren eher mit Gewaltszenen in den Schlagzeilen stand. Die Vorfälle in Rostock, Dortmund oder Hannover haben dem Image des Kultvereins überhaupt nicht gut getan. Inzwischen scheint er geheilt; der sportliche Erfolg tut sein Übriges. Dynamos Anhang ist verrückt – positiv wie negativ.

Mit den Jungs und Mädels wird vor Anpfiff eifrig gefachsimpelt und die Aufstellung des Spieltags diskutiert. Schon beim Warmmachen der Mannschaft ist die Euphorie zu spüren, den Spielern auf dem Rasen wird heftig applaudiert, jeder Torabschluss kritisch begutachtet. Das Einlaufen der Startelf begleitet der K-Block, so heißt der Stehplatzbereich in der Dresdner Arena für alle verbissenen Sportliebhaber, mit reichlich Fahnengeschwenke und frenetischem Klatschen.

Dieses Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl treibt einem jedes Mal wieder ein breites Grinsen aufs Gesicht. Es kribbelt. In den kommenden 90 Minuten wird auf den Rängen lauthals gesungen, überschwänglich gefeiert und enthusiastisch gelitten. Für das stimmungsvolle Drumherum sorgen insbesondere die kritisierten Ultra-Gruppen – politisierte Jugendliche, die sich uneigennützig für ihren Verein aufreiben und kostbare Freizeit für umjubelte Choreographien opfern.

Mit den Medien sprechen sie so gut wie kaum. Deshalb hat es auch ein halbes Dutzend Absagen gedauert, bis Jenaer Fans ihr Selbstverständnis offenbart und verdeutlicht haben, warum politische Aussagen ganz selbst verständlich ins Stadion gehören (ab Seite 23). Die Fußballbegeisterung ist ein 100 Prozent natürliches Antidepressivum, der Erfolg gut fürs Gemüt. „Die Liebe zu einem Verein ist rational nicht erklärbar“, sagt CDU-Politiker und St. Pauli-Fan Marcus Weinberg im Interview (ab Seite 16). Gewiss hat sie dieses Heft inspiriert.

Obendrein rollt im Juni das runde Leder bei der Europameisterschaft in Frankreich und ein ganzer Kontinent fiebert mit. Das mediale Interesse an dem Wettstreit ist gigantisch. Warum auch die politische Bildung diesen sommerlichen Hype für sich nutzen sollte, weiß der lizensierte Trainer und Politikwissenschaftler Andreas Klee (ab Seite 26). Im Zweifel ist der Fußball eben doch politisch, oder?

Im neuen Couragiert-Magazin lesen Sie, wie der Fußball ein ganzes Land politisiert und warum auch die politische Bildung den Hype um das runde Leder für sich nutzen sollte. 

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