von Tom Waurig

Hausherr aus Leidenschaft

Christopher Neidhardt ist Einsatzleiter des DRK in der Heidenauer Erstaufnahmeeinrichtung. (Foto: Benjamin Jenak)

Unaufhörlich passieren kleinere Grüppchen das mit grüner Plane umspannte Eingangstor zum ehemaligen Praktiker-Baumarkt im sächsischen Heidenau. Das Security-Personal hat ein Auge auf alles und jeden, der rein oder raus will. Es ist die Pforte zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Im Innern leben derzeit über 700 Flüchtlinge, überwiegend aus dem Nahen Osten und aus Indien, darunter viele Familien mit Kindern.

Beinahe täglich kommen neue Bewohner in der Erstaufnahmeeinrichtung an. Laut Angaben des Innenministeriums hat der Freistaat in den ersten sieben Monaten des laufenden Kalenderjahres mehr als 14 500 Asylbewerber aufgenommen. Schon deshalb ist das Heidenauer Objekt in Sachen Unterbringung ein Glücksgriff für die Landesdirektion, weil der Zweigeschosser viel Platz bietet und in einwandfreiem Zustand ist. Die schiere Größe des Gebäudes stellt auch alle Beteiligten vor neue Herausforderungen.

Nicht zuletzt für die Bewohner sind es strapaziöse Umstände. Für einen kurzen Moment der Ruhe flüchten viele Neuankömmlinge, die auf die Bearbeitung ihres Asylgesuches warten, auf eine nahegelegene Grünfläche. An der Staatsstraße, wo vor drei Wochen der Mob tobte und auf die Polizei losging, schieben sich zwei jugendliche Iraker ein schwarz-weißes Fußballleder zu. Andere verweilen auf einem der schmalen Bordsteine. Die Freizeitangebote sind rar.

Gegenüber, im Real-Supermarkt, kaufen die Flüchtlinge ein – Getränke, Erdnüsse und etwas Süßes für die Kinder. Am Wochenende versammeln sich dort, zwischen Bratwurstbude und Asia-Imbiss, die Asyl-Gegner zum fröhlichen Biergelage. Es ist die andere Welt in Dresdens kleiner Nachbarstadt. Teils traumatisierte Flüchtlinge, die ihre Heimat verließen, auf der einen und pöbelnde Jugendliche, die die offene Konfrontation mit dem Staat suchen, auf der anderen Seite.

Einst war der großflächige Baumarkt-Parkplatz voll belegt. Gestandene Männer schleppten sperrige Gerätschaften aus der blau-weißen Halle, verstauten allerhand Utensilien und Gartenequipment in ihren Fahrzeugen. Momentan stehen die markierten Parkbuchten leer und die Fläche ist weiträumig abgesperrt. In den letzten Wochen dient sie als Pausenhof. Viele Flüchtlinge tummeln sich auf dem Vorplatz, lachen zusammen und suchen nach einer Abwechslung vom tristen Heim-Alltag.

Faibel für Mensch und Medizin

Mittendrin steht Christopher Neidhardt, der mit seiner grellgelben Warnweste nicht zu übersehen ist. Das ist wichtig, denn der junge Mann ist Einsatzleiter des Deutschen Roten Kreuzes in der Asyl-Unterkunft in Heidenau. Trotz seiner großen Aufgaben wirkt er gefasst und – an dieser Stelle sei die Floskel erlaubt – den Umständen entsprechend entspannt. Unter den Arm hat sich Neidhardt seine nötigsten Unterlagen geklemmt, Informationen, die er bei seinen Rundgängen nicht vergessen darf.

Sein Tagesablauf ist nach eigener Auskunft „relativ unkoordiniert“, weil er oft nur reagiert. Die Einsatzleitung sei noch nicht in der Lage, geplant in den Tag zu gehen. Gut die Hälfte seiner Zeit verbringt der 34-Jährige damit, den Aus- und Umbau zu organisieren. Eine Baubesprechung jagt die nächste, die der neue Hausherr persönlich wahrnimmt. Mit zwei Kollegen teilt er sich die Chefrolle in dem 10 000 Quadratmeter großen Gebäude. Das DRK ist gewillt, die Situation für die Flüchtlinge so angenehm wie möglich zu gestalten. Mit mehreren hundert Bauzäunen werden täglich neue, winzige Wohnabteile von den weitläufigen Fluren abgetrennt.

In der übrigbleibenden Zeit hält Neidhardt den Kontakt zu den unzähligen Helfern und schreibt die Dienstpläne für seine Mitarbeiter. Außerdem ist er die erste Ansprechperson der Flüchtlinge. „Ich mache jeden Tag meine Runde, um mit den unterschiedlichen Nationalitäten zu sprechen“, erläutert Neidhardt. Probleme, zu deren Lösung er selbst beitragen kann, halten sich allerdings in Grenzen. Die Behörden arbeiten indes „etwas unstrukturiert“, schätzt Neidhardt ein. Ihm obliegt es dann, den Flüchtlingen die Funktionsweise eines deutschen Verwaltungsapparates zu erklären. Das ist mehr als kompliziert, aber die Bewohner sehnen sich nach einer Perspektive.

Es sind die vielen kleinen „Baustellen“, die Neidhardts volle Aufmerksamkeit bedürfen und sein Überstundenkonto auffüllen. Sieben Uhr morgens tritt er seinen Dienst an. Erst 16 Stunden später ist seine Schicht beendet, auch wenn der Dienstplan eigentlich etwas anderes vorsieht. Dennoch ist der DRK-Mann mit Leidenschaft am Werk. Seit fünf Jahren arbeitet er auch hauptberuflich für die vier Millionen Mitglieder zählende Hilfsorganisation – im Rettungsdienst. Was ihn an der Arbeit fasziniert, ist die neutrale Haltung: „Geholfen wird überall und in jeder Situation“, so Neidhardt. Sein Faibel für Mensch und Medizin hat ihn schon mit zwölf Jahren zum DRK gebracht.

Ehrenamtlich braucht Pflege

Die größte Hürde haben er und seine Kollegen schon überwunden. Nicht mehr als eineinhalb Tage blieben dem Roten Kreuz Zeit, um den leeren Praktiker-Markt für die ersten Flüchtlinge herzurichten. Sanitärcontainer waren besonders schwer zu organisieren, weil deutschlandweit alle vergriffen seien. Deshalb kommen bis heute noch einzelne Lieferungen in Heidenau an. Nun gehe es vor allem darum, die verschiedenen Gruppen unter einem Dach zu bündeln und ihnen – einigermaßen – gerecht zu werden. Von einem Lagerkoller, der der Einrichtung von außen zugeschrieben wurde, will Neidhardt aber nichts wissen. Die bekannten Auseinandersetzungen seien aus Lappalien entstanden, erklärt er. Traumatisierungen, Perspektivlosigkeit und die beengte Unterbringung tragen nicht gerade zu einer Entspannung der Lage bei, auch wenn Neidhardt und sein Team alles unternehmen, um die Situation ständig zu verbessern.

Entscheidenden Anteil haben die vielen Helfer, die sich freiwillig melden. Nach den Erlebnissen der Eröffnungstage, sei die Hilfsbereitschaft besonders wohltuend, freut sich Neidhardt. „Ohne die vielen Ehrenamtlichen würden wir hier gar nicht bestehen können“, stellt der engagierte Einsatzleiter klar, auch wenn man den einen oder anderen Ehrenamtlichen auch mal bremsen müsse. „Es ist wichtig, die Menschen nicht zu verbrennen und ihnen auch Freizeit einzuräumen“.

Die Betreuung und Pflege seiner Helfer ihm wichtig, weil Neidhardt davon ausgeht, dass die Unterkunft in Heidenau eine dauerhafte Lösung bleibt. Mit den immer neuen Quartieren stößt auch das DRK langsam aber sicher an seine Grenzen. Deshalb hat er die Hoffnung, dass der Einsatzwillen der Bevölkerung weiter anhält, auch nach dem medialen Hype um die sächsische Kleinstadt.

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