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von Klaus-Peter Hufer

Wie bildet sich die politische Mitte?

Politische Erwachsenenbildung erreicht nur eine Minderheit - immerhin 2,85 Millionen. (Foto: Benjamin Jenak)

Immer weniger Deutsche gehen zur Wahl und Politiker erleben einen erheblichen Vertrauensverlust. In Umfragen nach den beliebtesten Berufen landen sie regelmäßig auf den hinteren Plätzen und den Parteien gehen die Mitglieder verloren. Fast die Hälfte aller Bundesbürger ist „weniger zufrieden“ oder gar „unzufrieden“ mit der Demokratie hierzulande. Alles in allem eine sehr ernüchternde Bilanz.

Und dabei sind die Probleme nicht zu knapp: lang anhaltende Fremdenfeindlichkeit – in einigen Regionen der Bundesrepublik über 40 Prozent – eine wachsende Schere zwischen arm und reich, deutliche Zeichen eines Klimawandels und „Entörtlichung von Politik“ (Ulrich Beck) durch Prozesse einer innergesellschaftlichen Individualisierung und der weltweiten Globalisierung.

Kann das eine Demokratie aushalten? Sie muss, weil sie alternativlos ist. Aber offensichtlich ist es nicht selbstverständlich, sich für die Beibehaltung und den Ausbau der Demokratie zu begeistern oder dafür einzusetzen. „Demokratie ist die einzige politische Grundordnung, die gelernt werden muss – immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein“, wusste schon Oskar Negt. Sie ist kein Geschenk, das vom Himmel gefallen und immer stabil ist.

Undemokratisch geboren

Doch wo kann man Demokratie erfahren, sich über ihre Funktionsweise informieren und Formen und Felder entdecken, sich für sie und in ihr zu engagieren? Dafür zuständig ist politische Bildung. Neben dem Politikunterricht an Schulen, gibt es sowohl die außerschulische Jugendbildung, als auch die politische Erwachsenenbildung. Letztere hat in Deutschland eine lange Tradition und reicht immerhin bis in die Zeit der Aufklärung zurück.

Politische Bildung ist zwar nicht die größte, aber eine zentrale Aufgabe der Erwachsenenbildung. Es geht darum, Verständnis für die Alternativlosigkeit einer sozialen Demokratie zu wecken und zu festigen, demokratische Regelungen und Entscheidungswege zu verstehen, ein Engagement für die Einhaltung und Verteidigung der Menschenrechte zu bewirken und sich der Ablehnung von Extremismus, Totalitarismus und Diskriminierung bewusst zu sein. Das versteht sich nicht von selbst, weil die Menschen nicht unbedingt als Demokraten geboren werden.

Es ist plausibel, dass politische Bildung für eine demokratische Gesellschaft auch demokratische Lehr- und Lernformen praktizieren muss. Politische Bildung ist keine politische Schulung. Es wird kein Lehrplan exerziert, um einen „von oben“ oder in einer „Zentrale“ definierten Zweck zu erfüllen oder eine Funktion wahrzunehmen. Politische Bildung ist das Gegenteil von Agitation, Indoktrination und Manipulation. Bei diesen Formen der politischen Beeinflussung geht es um Fremdbestimmung und darum, bei anderen eine für richtig gehaltene Meinung zu erzwingen. Dagegen sind die Prinzipien von politischer Bildung Mündigkeit und Selbstbestimmung.

Freiwilligkeit hat Priorität

In einer demokratischen Gesellschaft haben Erwachsene jederzeit die Gelegenheit, sich politisch (weiter) zu bilden – durch Massenmedien, Internet, Buchlektüre, Gespräche mit Freunden, Kollegen, Bekannten, Mitarbeit in Bürgerinitiativen, den Besuch öffentlicher Veranstaltungen oder die Teilnahme an Parteiversammlungen. Die organisierte, institutionalisierte, intendierte politische Erwachsenenbildung, umfasst aber nur einen Teil der Weiterbildungsmöglichkeiten.

Im Unterschied zum Politikunterricht sind die politische Jugend- und  Erwachsenenbildung nicht an vorgegebene Curricula, Richtlinien oder Bildungsstandards gebunden. Das widerspräche einmal dem Pluralismusprinzip und zum anderen dem Umstand, dass die Teilnehmenden freiwillig zu den Veranstaltungen kommen.

Bei einer Befragung von profilierten Fachleuten der politischen Erwachsenenbildung nach ihren didaktischen Präferenzen hat sich herausgestellt, dass – übrigens mit einer bemerkenswert hohen Übereinstimmung – der absolute „Favorit“ die Teilnehmerorientierung ist. Das heißt, sich bei der Planung und Durchführung von Bildungsangeboten an den Interessen der Teilnehmer zu orientieren, um Veranstaltungen entsprechend zu arrangieren. Weitere didaktische Prinzipien sind das exemplarische Lernen, biografische Ansätze sowie Alltags- und Lebensweltorientierung.

Die „richtige“ Minderheit

Wer sich Vorträge anhört, Podiumsdiskussionen verfolgt oder an Kursen, Seminaren, Workshops oder Studienreisen beteiligt, hat selten funktionale und kaum materielle Interessen daran. Es geht vielmehr um den Zustand der Demokratie, deren Festigung und Ausbau. Diese Motive setzen schon einigen Idealismus voraus, zumal es die Regel geworden ist, dass für die Veranstaltungen auch noch Eintritt oder Teilnahmegebühren gezahlt werden müssen.

Politische Erwachsenenbildung erreicht demzufolge nur eine Minderheit. Entscheidend ist, ob es die „richtige“ Minderheit ist, die an den Kursen teilnimmt, oder ob – was allerdings auch nicht wenig ist – mit den Bildungsangeboten „lediglich” eine Politisierung der bereits Politisierten betrieben wird?

Aber immerhin kann solide geschätzt werden, dass jährlich zirka 2,85 Millionen Menschen politische Bildungsveranstaltungen der Volkshochschulen, Gewerkschaften, parteinahen Stiftungen und der vielen anderen Träger und Einrichtungen besuchen. Das sind gut 300 000 mehr, als die Fußballclubs Borussia Dortmund und Bayern München in den 17 Heimspielen einer Saison aufbieten können.

Dr. Klaus-Peter Hufer ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er ist davon überzeugt, dass es heute nicht weniger Demokratie gibt.

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